Viele Anleger glauben, dass 200 oder 300 P2P-Kredite im Portfolio automatisch für Sicherheit sorgen. Das ist ein Trugschluss. Diversifikation hängt nicht von der reinen Anzahl der Kredite ab, sondern davon, wie unabhängig diese Kredite tatsächlich voneinander sind.
Wer 300 Kredite über einen einzigen Anbahner (Originator) in einem einzigen Land hält, ist keineswegs breiter gestreut als jemand mit 20 Krediten über mehrere Anbahner und Länder. Entscheidend ist die Korrelation zwischen den einzelnen Positionen — und die wird in Marketingmaterialien selten thematisiert.
Dieser Artikel ordnet ein, was Diversifikation bei P2P-Krediten wirklich bedeutet, warum Kreditanzahl allein wenig aussagt, und welche praktischen Regeln helfen, Konzentrationsrisiken zu erkennen. Nutzen Sie dazu auch unseren Risiko-Rechner, um eigene Annahmen zu testen.
Was Diversifikation wirklich bedeutet
Diversifikation soll das Risiko reduzieren, dass ein einzelnes Ereignis das gesamte Portfolio beschädigt. Das funktioniert nur, wenn die einzelnen Positionen möglichst unabhängig voneinander ausfallen können. Bei Aktien bedeutet das: verschiedene Branchen, Regionen, Unternehmensgrößen. Bei P2P-Krediten ist das Prinzip identisch, wird aber häufig missverstanden.
Ein P2P-Kredit ist kein isoliertes Einzelrisiko wie eine Aktie eines börsennotierten Unternehmens. Er hängt von mehreren Ebenen ab: dem Kreditnehmer selbst, dem Anbahner, der den Kredit vergeben und administriert hat, der Plattform, über die investiert wird, sowie dem wirtschaftlichen Umfeld im jeweiligen Land. Echte Streuung muss auf allen diesen Ebenen ansetzen, nicht nur auf der Ebene der einzelnen Kreditnehmer.
In der klassischen Portfoliotheorie senkt Diversifikation das Gesamtrisiko nur so weit, wie die einzelnen Positionen unkorreliert sind. Sind zwei Positionen perfekt korreliert, bringt eine zusätzliche Position keinen Streuungseffekt, egal wie viel Kapital darin gebunden ist. Übertragen auf P2P-Kredite bedeutet das: Ein zusätzlicher Kredit desselben Anbahners im selben Land reduziert das Konzentrationsrisiko kaum, selbst wenn er formal ein „weiterer” Kredit im Portfolio ist.
Mehr zu den grundsätzlichen Risikoarten bei P2P-Investments finden Sie im Beitrag P2P-Kredite: Risiken im Überblick.
Kreditanzahl ist nicht gleich Streuung
Die Anzahl der gehaltenen Kredite ist die am leichtesten sichtbare Kennzahl im Portfolio — und deshalb auch die am häufigsten missverstandene. Ein Portfolio mit vielen hundert Krediten wirkt auf den ersten Blick gut gestreut. Ob das zutrifft, hängt aber davon ab, woher diese Kredite stammen.
Stammen alle Kredite vom selben Anbahner, teilen sie sich dieselben Vergabestandards, dieselbe Bonitätsprüfung und oft dieselbe Refinanzierungsstruktur. Gerät dieser Anbahner in wirtschaftliche Schwierigkeiten oder stellt sich heraus, dass die Kreditvergabe systematisch zu lax war, sind potenziell alle Kredite gleichzeitig betroffen — unabhängig davon, ob es zehn oder tausend sind.
Kreditanzahl reduziert das sogenannte idiosynkratische Risiko einzelner Kreditnehmer (ein einzelner Zahlungsausfall fällt weniger ins Gewicht). Sie reduziert aber nicht das strukturelle Risiko, das von der Konzentration auf wenige Anbahner, Länder oder Laufzeitprofile ausgeht.
Dieser Unterschied wird in der Praxis oft übersehen, weil viele Plattformoberflächen die Kreditanzahl prominent anzeigen, die Verteilung nach Anbahnern jedoch nicht ohne Weiteres sichtbar machen. Anleger müssten diese Information selbst zusammentragen, etwa durch Export der eigenen Portfoliodaten und manuelle Auswertung nach Anbahner, Land und Laufzeit. Wer das nicht tut, überschätzt die tatsächliche Streuung leicht.
Korrelation — der versteckte Killer
Korrelation beschreibt, wie stark sich Ausfallereignisse gegenseitig bedingen. Bei P2P-Krediten mit gemeinsamem Anbahner ist diese Korrelation oft hoch, auch wenn das im Portfolio nicht sichtbar ist. Die Kredite laufen formal getrennt, teilen sich aber dieselbe operative Basis.
Diese verdeckte Abhängigkeit zeigt sich typischerweise erst, wenn ein Anbahner in Schwierigkeiten gerät:
- Der Anbahner senkt intern die Vergabestandards, um das Kreditvolumen zu steigern.
- Die Ausfallquote in seinem gesamten Kreditbestand steigt gleichzeitig an.
- Buyback-Zusagen geraten unter Druck, weil der Anbahner selbst Liquiditätsprobleme bekommt.
- Alle Kredite dieses Anbahners im Portfolio sind gleichzeitig betroffen — unabhängig von ihrer Zahl.
Genau hier liegt der zentrale Punkt: Buyback ist keine Garantie. Eine Rückkaufzusage ist ein Versprechen des Anbahners, kein abgesichertes Recht. Gerät der Anbahner selbst in Schieflage, kann er dieses Versprechen nicht mehr erfüllen — und viele „gesicherte” Kredite fallen gleichzeitig aus.
Ähnliche Korrelationsmuster entstehen auch über Länder- und Branchengrenzen hinweg, etwa wenn mehrere Anbahner in derselben Region von einem gemeinsamen Konjunktureinbruch betroffen sind. Ein Vergleich unterschiedlicher Plattformmodelle findet sich im Beitrag Mintos, Bondora und Alternativen im Vergleich.
Konzentration nach Originator, Land und Laufzeit
Neben dem Anbahner sind zwei weitere Konzentrationsachsen relevant: Land und Laufzeit.
Länderkonzentration bedeutet, dass viele Kredite an Kreditnehmer in derselben Volkswirtschaft vergeben wurden. Ein regionaler Wirtschaftsabschwung, eine Währungskrise oder regulatorische Änderungen können dort gleichzeitig auf viele Kredite wirken. Laufzeitkonzentration bedeutet, dass ein großer Teil des Portfolios zur selben Zeit fällig wird oder in derselben Marktphase vergeben wurde — etwa kurz vor einem konjunkturellen Abschwung, mit entsprechend ähnlichen Vergabebedingungen.
Auch die Kreditart selbst spielt eine Rolle. Kurzfristige Konsumkredite, Immobilienkredite und Geschäftskredite reagieren unterschiedlich auf konjunkturelle Schwankungen, Zinsänderungen und regulatorische Eingriffe. Ein Portfolio, das ausschließlich auf eine einzige Kreditart setzt, trägt ein ähnliches Konzentrationsproblem wie eines, das nur einen Anbahner nutzt — auch wenn die Kreditnehmer selbst unterschiedlich sind.
Ein Überblick über verschiedene Plattformen und deren Ausrichtung nach Ländern und Kreditarten findet sich unter Plattformübersicht.
Wie viele Kredite und Anbahner sind „genug”?
Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht, und jede Angabe wie „mindestens 500 Kredite reichen” wäre eine Scheingenauigkeit, die die tatsächliche Risikolage verschleiert. Was zählt, ist die Verteilung über Anbahner, Länder und Laufzeiten — nicht ein einzelner Schwellenwert.
Illustrationsbeispiel (angenommene Zahlen, keine Marktdaten): Ein Portfolio mit 100 Krediten über einen einzigen Anbahner in einem Land trägt qualitativ ein höheres Konzentrationsrisiko als ein Portfolio mit 40 Krediten über acht Anbahner in vier Ländern mit unterschiedlichen Laufzeitprofilen. Diese Zahlen dienen ausschließlich der Veranschaulichung des Prinzips, nicht als Empfehlung oder Richtwert.
Statt einer festen Zielzahl ist es sinnvoller, sich qualitativ zu fragen: Wie viele unabhängige „Ausfallquellen” trägt mein Portfolio wirklich, und wie stark hängen diese Quellen voneinander ab? Ein Rechenmodell zur eigenen Einschätzung bietet der Risiko-Rechner.
Auch die Anzahl der Anbahner allein ist keine Garantie. Zwei Anbahner in derselben Region, mit ähnlichem Geschäftsmodell und ähnlicher Refinanzierungsstruktur, können sich in einer Krise ähnlich verhalten. Qualitativ sinnvoller ist es, auf eine möglichst unterschiedliche Mischung zu achten: unterschiedliche Geschäftsmodelle, unterschiedliche Länder, unterschiedliche Laufzeiten und, wo erkennbar, unterschiedliche Finanzierungsquellen der Anbahner selbst.
Praktische Streuungs-Regeln
Die folgende Übersicht zeigt, auf welchen Ebenen Konzentrationsrisiken entstehen können und welche Gegenmaßnahmen grundsätzlich in Betracht kommen. Sie ersetzt keine individuelle Beratung.
| Streuungsebene | Risiko bei Konzentration | Gegenmittel |
|---|---|---|
| Anbahner (Originator) | Gemeinsame Vergabestandards, gemeinsames Ausfall- und Liquiditätsrisiko, Buyback wirkt bei allen Krediten gleichzeitig nicht | Kredite über mehrere unabhängige Anbahner streuen, nicht nur über mehrere Plattformen desselben Anbahners |
| Land / Region | Regionaler Konjunktureinbruch oder Währungsrisiko trifft viele Kredite gleichzeitig | Kreditnehmer aus mehreren Ländern und Wirtschaftsräumen kombinieren |
| Laufzeit | Viele Kredite werden zeitgleich fällig oder in derselben Marktphase vergeben | Laufzeiten staffeln, Vergabezeitpunkte über verschiedene Marktphasen verteilen |
| Plattform | Plattformspezifisches Betriebs-, IT- oder Insolvenzrisiko betrifft das gesamte dort gehaltene Kapital | Kapital nicht ausschließlich auf einer einzigen Plattform bündeln |
| Kreditart / Sicherheiten | Ähnliche Kreditarten (z. B. nur Kurzzeitkredite) reagieren ähnlich auf Marktveränderungen | Unterschiedliche Kreditarten und Besicherungsformen kombinieren |
Häufige Fragen
Wie viele P2P-Kredite sind genug für Diversifikation?
Es gibt keine feste Zahl, die für alle Portfolios gilt. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der Kredite, sondern die Verteilung über unabhängige Anbahner, Länder und Laufzeiten. Ein Portfolio mit wenigen Krediten über viele unabhängige Anbahner kann strukturell breiter gestreut sein als ein Portfolio mit sehr vielen Krediten über einen einzigen Anbahner.
Reicht es, Kapital auf mehrere Plattformen zu verteilen?
Plattformstreuung reduziert das plattformspezifische Betriebsrisiko, sagt aber nichts über die dahinterliegenden Anbahner aus. Mehrere Plattformen können teilweise dieselben Anbahner oder ähnliche Kreditnehmerprofile nutzen. Streuung sollte daher zusätzlich auf Anbahner-, Länder- und Laufzeitebene geprüft werden.
Schützt eine Buyback-Garantie vor Konzentrationsrisiken?
Nein. Eine Rückkaufzusage ist ein Versprechen des Anbahners und keine gesicherte Garantie im Sinne einer Einlagensicherung. Gerät der Anbahner selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten, kann er Buyback-Zusagen für viele Kredite gleichzeitig nicht mehr erfüllen.
Sind P2P-Kredite durch eine Einlagensicherung geschützt?
Nein. P2P-Kredite sind keine Bankeinlage. Die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro gilt ausschließlich für Bankeinlagen, nicht für P2P-Investments. Das eingesetzte Kapital kann bei Zahlungsausfällen oder Insolvenz eines Anbahners verloren gehen.
Quellen & Stand
Primärquellen: FMA: Crowdfunding Service Providers, OeNB: Einlagensicherung und Europäische Kommission: Crowdfunding und ECSPR. Die ECSPR erfasst lending-basiertes Crowdfunding zur Unternehmensfinanzierung; verbraucherbezogene P2P-Modelle können außerhalb dieses Rahmens liegen. Beispielzahlen sind Illustrationen, keine Marktdaten. Quellen geprüft: 15. Juli 2026.
Bildungsinhalt, keine Anlageberatung. P2P-Kredite können zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen und sind keine Bankeinlage. Kein Ergebnis auf dieser Seite ist als „sicher” zu verstehen. Steuerliche Angaben sind allgemein und ersetzen keine Steuerberatung.
